Curió Curió entstand eher zufällig. Zwei Künstler – die in Rio geborene, in Österreich lebende Sängerin und Schauspielerin Luiza Monteiro und der deutsche Produzent Dustin Braun – waren unabhängig voneinander an einem Scheideweg in ihrer Karriere angelangt. Aus einer glücklichen Begegnung entwickelte sich bald ein mitreißendes, von Herzen kommendes brasilianisches MPB-Groove-Projekt, geprägt von psychedelischem Disco und Studioexperimenten. Nach ihren eigenen Worten ist die klangliche Vision von Curió Curió „weder reines Disco, noch reiner Samba, auch nicht streng Old-School, sondern von all dem inspiriert – so entsteht etwas Zeitgenössisches, das dennoch nostalgisch anmutet“. Eine moderne Fusion, die ebenso von Gal Costa und Jorge Ben Jor wie von Say She She und Bala Desejo beeinflusst ist und deren Sound gekonnt einen ganz eigenen Kurs einschlägt. Eine Hommage an Freiheit, Bewegung, Liebe und Leben, verwoben mit introspektiven Momenten der Reflexion. Das Album betrachtet Tradition als etwas Lebendiges, Wanderndes und Ungelöstes und ist nicht einfach nur durch die gemeinsame Liebe zur brasilianischen Musik verbunden, sondern durch eine tiefere Frage, die sich durch jeden Titel zieht: Wo gehört man hin, wenn „Zuhause“ zum Plural wird? Als in Europa lebende Brasilianerin erkundet Luiza in ihren Texten Themen wie Identität, Kultur und Existenz. Die Titel bewegen sich zwischen Städten und Gefühlsregistern, ohne sich festzulegen, und zeichnen ein Identitätsgefühl nach, das sich eher wandelt als feststeht. Songs wie „Amor Doente“ und „Mar sem Dar Pé“ kreisen um Beziehungen, die sich der Klarheit entziehen, während „Menina Passarinho“ die Angst und die Notwendigkeit einfängt, sich der Musik als Weg zu verschreiben. Für Luiza war es sowohl unvermeidlich als auch schwierig, ihr Engagement für die Musik parallel zu ihrer langjährigen Theaterarbeit zu vertiefen. Brauns Produktion folgt einer ähnlichen Logik. Erste Ideen entstanden oft ohne offensichtliche Bezugspunkte; erst später wurden rhythmische und vokale Elemente integriert, die auf Brasilien anspielen, ohne es zu reproduzieren. Analoge Techniken, Tonband, Bändchenmikrofone und Live-Ensemble-Aufnahmen verleihen dem Ganzen eine haptische Qualität, die das Interesse des Duos am Entstehungsprozess ebenso widerspiegelt wie am Ergebnis. Zu den Höhepunkten zählen „Bem Querer“, das auf einer authentischen Samba-Straßenatmosphäre mit einem äußerst eingängigen Refrain zum Mitsingen aufbaut, und „Vem pra Casa“ mit seinem kosmisch angehauchten brasilianischen Boogie-Flair. Das Album schließt mit „A Cor do Meu Sonho“, einem stillen Akt der Beharrlichkeit. Eine Weigerung, sich in ungewohnten Umgebungen zurückzuziehen, und der Glaube an die Kraft der Verschiedenheit. Es ist weniger ein Abschluss als vielmehr eine Fortsetzung, die die zentrale Frage offen lässt. „Ich begann zu verstehen, dass ich gleichzeitig an vielen Orten zu Hause sein kann“, reflektiert Luiza. „Und das kann etwas sein, das man begrüßen kann.“ Der Text des Songs „Raiz“ lässt sich ins Deutsche übersetzen mit: „Ich schätze die brennende Sonne und die Kälte in der Luft. Ständiger Wandel ist mein Begleiter.“ Bei Curió Curió wird diese Idee durch Klang, Geschichte und Zusammenarbeit gelebt. Ein Debüt, das sich sowohl suchend als auch selbstbewusst anfühlt, verwurzelt in der Tradition und doch geprägt von der Ferne.
